Über den Wolken vs. Unter den Wolken

Gottesdienst im Rahmen einer Predigtreihe unter dem Motto „Himmlische Hits“

Was haben die Songs „über den Wolken“ und „unter den Wolken“ miteinander und mit uns zu tun? Ein Experiment, die Intertextualität der beiden Lieder durch eine Predigt „zwischen“ den beiden Liedern fruchtbar zu machen.

Ablauf des Gottesdienstes

  • Eingangsteil
  • Musik zum Eingang
  • Begrüßung
  • Eingangslied: EG 617
  • Votum+Gruß
  • Psalm: EG 704 (Psalm 8)
  • Gloria patri
  • Tagesgebet
  • Verkündigungsteil
  • Lied: Über den Wolken (Playback)
  • Predigt
  • Gebet
  • Lied: Unter den Wolken (Playback)
  • Schlussteil
  • Kollektenabkündigung
  • Lied während Kollektesammlung: EG 628
  • Fürbitten
  • Vater unser
  • Schlusslied: EG 610
  • Abkündigungen
  • Segen
  • Musik zum Ausgang

Die Texte:

Tagesgebet

Allmächtiger Gott,
wir bewundern deiner Hände Werk im Himmel und auf Erden.
Die Erde hast du uns überlassen, und den Himmel haben wir uns bereits genommen.
Schenk uns die Weisheit, nicht alles zu tun, was wir können,
damit wir nicht abheben, uns nicht über dich erheben,
sondern Bodenhaftung behalten.
Durch Jesus Christus, unsern Herrn,
der uns mit dir und dem Heiligen Geist
den Himmel auf Erden bringen möchte.
Amen.

Predigt + Gebet

I

Liebe Gemeinde,
sie alle kennen dieses Gefühl, das Reinhard Mey in seinen Zeilen beschreibt.

Das Gefühl, wenn du es schaffst, den Zwängen des Alltags zu entfliehen.
Wenn du es schaffst, loszulassen. Nichts mehr planen, nichts denken.
Wenn du ganz in dem Moment lebst, ohne wenn und aber.

Das Gefühl, wenn du an einem sonnigen Wintertag die ersten Spuren im frischen Schnee hinterlässt, während alles wunderbar glitzert und glänzt und es dabei so wunderbar ruhig ist, dass du nichts hörst außer dem Knirschen des Schnees unter deinen Stiefeln.

Das Gefühl, wenn du dich mit einem guten Freund oder einer Freundin triffst und erzählst udn erzählst, und ihr darüber völlig die Zeit vergesst.

Das Gefühl, wenn du mit deiner Familie am Tisch sitzt, ihr etwas leckeres gegessen habt und keiner aufsteht und davon springt, weil es einfach gerade so schön ist und keiner Zeitdruck hat.

Das Gefühl, wenn du nur etwas für dich tust, weil du gerade Lust darauf hast, und nicht, weil du es musst oder weil es erwartet wird.

Das Gefühl, wenn du den Gipfel erklommen hast, am Gipfelkreuz stehst und in die Weite des Landes blickst und einfach nur schreien könntest vor Glück.

Das Gefühl, wenn du etwas schweres überstanden hast, eine Krankheit besiegt hast, und frei bist von jedem Schmerz.

Das Gefühl von Freiheit, von frei sein, ohne jeden Zwang.
Das Gefühl, über den Dingen zu stehen, lebendig zu sein und das alleine reicht.

II

Leider stellt sich dieses Gefühl bei den meisten von uns im Alltag nicht all zu oft ein.
Oft müssen wir es uns hart erkämpfen, diese Freiräume zu haben.

Vielleicht hast du dir gerade das im neuen Jahr als guten Vorsatz vorgenommen, dir solche Inseln zu schaffen, um Kraft zu tanken, um das Leben zu genießen.

Vielleicht hast du Anfang des Jahres in deinem Kalender einige Tage blau markiert, um blau zu machen, das Blau des Himmels zu genießen und nichts anderes.

Vielleicht kam es bisher aber ganz anders, und du träumst nun von deinem Urlaub im Sommer, auf den du solange schon wartest.

Vielleicht — bleibt es aber auch bei den Träumen.

In Reinhard Mey’s Lied scheint es nur ein Traum zu sein.

Er steht auf dem Boden, spürt mit den Füßen, wie der nasse Asphalt unter ihm bebt.
Wie ein Pfeil zieht der Flieger vorbei, hebt ab, schwebt der Sonne entgegen.

Er schaut ihm lange nach, bis das Flugzeug nur noch ein winziger Punkt am Horizont ist, seine Lichter im Regengrau verschwimmen.

Über den Wolken / Muss die Freiheit wohl grenzenlos sein

denkt er sich.

Alle Ängste, alle Sorgen / Sagt man
Blieben darunter verborgen / Und dann
Würde was uns groß und wichtig erscheint
Plötzlich nichtig und klein

Er träumt von ebendiesem Gefühl, dass alles belastende, einengende vergessen ist.
Im Konjunktiv. Es ist leider keine Realität, sondern nur ein Traum, eine Sehnsucht.

Gerade deswegen wurde das Lied von 1974 zu einem Riesenhit, weil es einer Sehnsucht Ausdruck verleit, die wir alle kennen. Der Sehnsucht nach dem leichten Leben, nach dem Zustand der Unbeschwertheit.
Einem Leben, das nicht durch Ängste und Sorgen gelenkt und gehemmt wird.

Diese Sehnsucht begleitet die Menschheit seit eh und je.
Je nach aktueller politischer und wirtschaftlicher Lage ist sie mal deutlicher, mal schwächer zu greifen.

III

In der Bibel wird sie besonders dort greifbar, wo es dem Volk Israel und später den ersten Christen besonders schlecht ging.
Gerade in Zeiten der Unterdrückung und der Verfolgung entstanden die großen Visionen vom siebten Himmel und dem Himmel auf Erden.

So beginnt beispielsweise der 126. Psalm mit den Zeilen:

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird,
so werden wir sein wie die Träumenden.

Das Problem ist nur: Solange das versprochene, erhoffte, erwartete nicht eintritt, bleibt es ein Traum.
Ist das nicht auf Dauer frustrierend, wenn wir nur von der Freiheit träumen, statt sie zu erleben?
Sollten wir nicht aufhören, vom Himmel auf Erden zu träumen, um uns den tatsächlichen Problemen zuzuwenden?

IV

Kürzlich zitierte ein Kollege für eine Radioandacht den 89jährigen katholischen Theologen Johann Baptist Metz.

Dieser forderte in einem vor 40 Jahren erschienenen Werk, dass das Christentum wieder politisch werden müsse.
Aus Metz‘ Sicht war das Christentum in den 70ern die einzige ernstzunehmende Konkurrenz des Marxismus,
und im Gegensatz zu dessen Utopie können die Christliche Botschaft vom Reich Gottes auch wirklich eine Revolution in Gang bringen.

Nun, bislang ist eine christliche Revolution ausgeblieben, der marxistisch-leninistische Sozialismus hat sich in der ehemaligen DDR und UDSSR nicht halten können, vor allem durch seine wirtschaftliche Schwäche.

Heute boomt unsere Wirtschaft, und doch profitieren nur wenige davon, das Vermögen in Deutschland konzentriert sich auf immer weniger immer reichere Menschen, während immer mehr immer ärmer werden.

Und wie schnell die großen Ziele und Visionen dem Kompromiss zum Opfer fallen, haben wir gerade in den Koalitionsverhandlungen gesehen.
Daher denke ich, dass Metz‘ anliegen aktueller ist denn je: Als Christinnen und Christen dürfen wir die Vision vom Reich Gottes nicht aufgeben.
Wir müssen und dürfen weiter davon träumen, dass wir durch unser Handeln, unsere Wahlen und Entscheidungen die Welt ein bisschen gerechter machen können.

 V

Lasst uns einen Moment stille werden und in uns gehen.
Welcher Traum treibt mich an?
Welche Vision habe ich für meine Zukunft und für die Zukunft dieser Welt?
Welcher Traum gibt mir Kraft, Mut, und treibt mich an? Und welche Träume sind bloß vergeudete Zeit?

<1 Min Stille>

GEBET

Lasst uns beten:

Allmächtiger Gott,
du kennst unsere innersten Gedanken,
unsere tiefsten Sehnsüchte,
unsere herzlichsten Wünsche.
Du weißt, wovon wir träumen.
Wir bitten dich:
lass uns daran fest halten, was uns Kraft gibt, was uns tröstet und stärkt.
Lass uns nicht aufgeben, dafür zu kämpfen, wovon wir träumen:
Von einer friedlichen Welt,
von einem guten Miteinander,
von genügend Zeit für uns selbst und unsere Liebsten,
von ausreichend Schlaf, genügend Essen und Trinken für alle Menschen.
Stärke du uns durch deine Kraft, damit wir nicht aufgeben für das einzutreten, was uns wichtig ist.
Lass uns Hoffnung schenken, wo Verzweiflung herrscht;
Trost spenden, wo Trauer regiert;
Hilfe geben, wo sie nötig ist.
So können wir hier auf Erden schon ein Stück vom Himmel haben,
einen Vorgeschmack auf dein himmlisches Reich,
das hoch oben über den Wolken schon auf uns wartet –
und doch bereits hier unter den Wolken beginnt.

Amen.

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